Am Beispiel „Brudermord im Altwasser“ von Georg Britting
Um eine gute Textanalyse zu schreiben, muss man systematisch vorgehen. Dabei geht es nicht nur darum, den Text zu lesen, sondern ihn genau zu untersuchen, wichtige Stellen zu erkennen und ihre Bedeutung zu erklären. Die folgenden Schritte zeigen, wie man von der ersten Lektüre bis zur fertigen Analyse gelangt.
1. Text mehrmals lesen
Der erste Schritt besteht darin, den Text mehrmals aufmerksam zu lesen.
Erstes Lesen
Beim ersten Lesen geht es darum, einen Überblick zu bekommen.
Fragen dabei:
- Worum geht es im Text?
- Wer sind die wichtigsten Figuren?
- Wo spielt die Handlung?
Beim Text „Brudermord im Altwasser“ erkennt man zum Beispiel:
- Es geht um drei Brüder.
- Sie spielen am Altwasser der Donau.
- Ein Spiel endet tragisch.
2. Wichtige Stellen markieren
Beim zweiten Lesen sollte man wichtige Wörter und Stellen markieren.
Zum Beispiel:
- Beschreibungen der Natur
- Handlungen der Figuren
- Wiederholungen
- auffällige sprachliche Bilder
Im Text fällt besonders auf:
- die düsteren Naturbeschreibungen
- die Wiederholung „unter dem Boot nicht mehr hervor“
- die Metapher „wie ein schwarzes Loch“
Diese Stellen sind wichtig für die spätere Analyse.
3. Thema und zentrale Aussage bestimmen
Nun überlegt man:
- Welches Thema behandelt der Text?
- Welche Botschaft könnte der Autor vermitteln?
Beim Text von Britting könnte das Thema sein:
- Schuld und Verantwortung
- die Gefährlichkeit von Spielen
- der Verlust von Unschuld
Diese Überlegung bildet die Grundlage für die Analyse.
4. Figuren analysieren
Jetzt untersucht man die Figuren des Textes.
Fragen:
- Wie verhalten sich die Figuren?
- Welche Eigenschaften haben sie?
- Welche Beziehungen bestehen zwischen ihnen?
Beispiel:
Die älteren Brüder wirken mutig und dominant, während der jüngste Bruder schwächer ist und oft unter ihnen leidet.
Diese Beobachtungen helfen zu erklären, warum es zum Unglück kommt.
5. Sprache und Stilmittel untersuchen
Ein wichtiger Teil der Analyse ist die Untersuchung der Sprache.
Man achtet auf:
- Metaphern
- Vergleiche
- Wiederholungen
- besondere Wortwahl
Beispiele aus dem Text:
Metapher:
„wie ein schwarzes Loch“
→ symbolisiert Schuld und Dunkelheit.
Wiederholung:
„unter dem Boot nicht mehr hervor“
→ verstärkt die Tragik des Todes.
Diese Stilmittel zeigen die Gefühle und die Atmosphäre des Textes.
6. Atmosphäre und Wirkung beschreiben
Man überlegt:
- Welche Stimmung erzeugt der Text?
- Wie wirkt er auf den Leser?
Im Text entsteht eine düstere und unheimliche Atmosphäre durch die Naturbeschreibungen.
Diese Stimmung verstärkt die Wirkung des tragischen Ereignisses.
7. Ergebnisse strukturieren
Nachdem man den Text untersucht hat, ordnet man seine Beobachtungen.
Eine typische Struktur ist:
Einleitung
- Autor
- Titel
- Thema
Hauptteil
- Analyse der Figuren
- Analyse der Sprache
- Beschreibung der Atmosphäre
Schluss
- Bedeutung des Textes
- Wirkung auf den Leser
8. Analyse schreiben
Nun formuliert man die Analyse in zusammenhängenden Absätzen.
Wichtig:
- im Präsens schreiben
- Beispiele aus dem Text nennen
- Beobachtungen erklären
Beispiel:
Die düsteren Naturbeschreibungen am Anfang erzeugen eine bedrohliche Atmosphäre und bereiten den Leser auf das spätere Unglück vor.
Fazit
Eine gute Textanalyse entsteht durch mehrere Schritte:
- Text aufmerksam lesen
- wichtige Stellen markieren
- Thema erkennen
- Figuren untersuchen
- Sprache analysieren
- Atmosphäre beschreiben
- Gedanken strukturieren
- Analyse formulieren
Wenn man diese Schritte befolgt, wird es leichter, einen literarischen Text zu verstehen und eine überzeugende Analyse zu schreiben.
Georg Britting
Brudermord im Altwasser (1929)
Das sind grünschwarze Tümpel, von Weiden überhangen, von Wasserjungfern übersurrt, das heißt: wie Tümpel und kleine Weiher, und auch große Weiher ist es anzusehen, und es ist doch nur Donauwasser, durch Steindämme abgesondert vorn großen,
grünen Strom, Altwasser, wie man es nennt. Fische gibt es im Altwasser, viele; Fischkönig ist der Bürstling, ein Raubtier mit zackiger, kratzender Rückenflosse, mit bösen
Augen, einem gefräßigen Maul, grünschwarz schillernd wie das Wasser, darin er jagt.
Und wie heiß es hier im Sommer ist! Die Weiden schlucken den Wind, der draußen über
dem Strom immer geht. Und aus dem Schlamm steigt ein Geruch wie Fäulnis und Kot
und Tod. Kein besserer Ort ist zu finden für Knabenspiele als dieses gründämmernde
Gebiet. Und hier geschah, was ich jetzt erzähle.
Die drei Hofberger Buben, elfjährig, zwölfjährig, dreizehnjährig, waren damals im August
jeden Tag auf den heißen Steindämmen, hockten unter den Weiden, waren Indianer im
Dickicht und Wurzelgeflecht, pflückten Brombeeren, die schwarzfeucht, stachlig geschützt glänzten, schlichen durch das Schilf, das in hohen Stangen wuchs, schnitten sich
Weidenruten, rauften, schlugen auch wohl einmal den Jüngsten, den Elfjährigen, eine
tiefe Schramme, daß sein Gesicht rot beschmiert war wie eine Menschenfressermaske,
brachen wie Hirsche und schreiend durch Buschwerk und Graben zur breitfließenden
Donau vor, wuschen den blutigen Kopf, und die Haare deckten die Wunde dann, und
waren gleich wieder versöhnt. Die Eltern durften natürlich nichts erfahren von solchen
Streichen, und sie lachten alle drei und vereinbarten wie immer: »Zu Hause sagen wir
aber nichts davon!«
Die Altwässer ziehen sich stundenweit der Donau entlang. Bei einem Streifzug einmal
waren die drei tief in die grüne Wildnis vorgedrungen, tiefer als je zuvor, bis zu einem
Weiher, größer, als sie je einen gesehen hatten, schwarz der Wasserspiegel, und am
Ufer lag ein Fischerboot angekettet. Den Pfahl, an dem die Kette hing, rissen sie aus
dem schlammigen Boden, warfen Kette und Pfahl ins Boot, stiegen ein, ein Ruder lag
auch dabei, und ruderten in die Mitte des Weihers hinaus. Nun waren sie Seeräuber und
träumten und brüteten wilde Pläne. Die Sonne schien auf ihre bloßen Köpfe, das Boot
lag unbeweglich, unbeweglich stand das Schilf am jenseitigen Ufer, Staunzen fuhren
leise summend durch die dicke Luft, kleine Blutsauger, aber die abgehärteten Knaben
spürten die Stiche nicht mehr.
Der Dreizehnjährige begann das Boot leicht zu schaukeln. Gleich wiegten sich die beiden
anderen mit, auf und nieder, Wasserringe liefen über den Weiher, Wellen schlugen platschend ans Ufer, die Binsen schwankten und wackelten. Die Knaben schaukelten heftiger, daß der Bootsrand bis zum Wasserspiegel sich neigte und das aufgeregte Wasser
und das Boot neigte sich tief, und dann lag der Jüngste im Wasser und schrie, und ging unter
und schlug von unten gegen das Boot, und schrie nicht mehr und pochte nicht mehr und
kam auch nicht mehr unter dem Boot hervor, unter dem Boot nicht mehr hervor, nie mehr.
Die beiden Brüder saßen stumm und käsegelb auf den Ruderbänken in der prallen Sonne,
ein Fisch schnappte und sprang über das Wasser heraus. Die Wasserringe hatten sich verlaufen, die Binsen standen wieder unbeweglich, die Staunzen summten bös und stachen, Die
Brüder ruderten das Boot wieder ans Ufer, trieben den Pfahl mit der Kette wieder in den
Uferschlamm, stiegen aus, trabten auf dem langen Steindamm dahin, trabten stadtwärts,
wagten nicht, sich anzusehen, liefen hintereinander, achteten der Weiden nicht, die ihnen
ins Gesicht schlugen, nicht der Brombeersträucherstacheln, die an ihnen rissen, stolperten
über Wurzelschlangen, liefen, liefen und liefen.
Die Altwässer blieben zurück, die grüne Donau kam, breit und behäbig, rauschte der Stadt
zu, die ersten Häuser sahen sie, sie sahen den Dom, sie sahen das Dach des Vaterhauses.
Sie hielten, schweißüberronnen, zitterten verstört, die Knaben, die Mörder, und dann sagte
der Ältere wie immer nach einem Streich: »Zu Hause sagen wir aber nichts davon!« Der andere nickte, von wilder Hoffnung überwuchert, und sie gingen, entschlossen, ewig zu schweigen, auf die Haustüre zu, die sie wie ein schwarzes Loch verschluckte.
Textanalyse der Kurzgeschichte
„Brudermord im Altwasser“ von Georg Britting (1929)
Die Kurzgeschichte „Brudermord im Altwasser“ von Georg Britting, die 1929 veröffentlicht wurde, erzählt von einem tragischen Ereignis zwischen drei Brüdern. Während eines Spiels am Wasser kommt es zu einem Unglück, bei dem der jüngste Bruder ertrinkt. Der Text thematisiert die Gefahren kindlicher Unachtsamkeit sowie Schuld und Verantwortung.
Zu Beginn der Geschichte beschreibt der Erzähler ausführlich die Landschaft des Altwassers der Donau. Die Natur wird dabei sehr bildhaft und gleichzeitig bedrohlich dargestellt. Begriffe wie „grünschwarze Tümpel“, „Fäulnis“, „Kot und Tod“ erzeugen eine düstere Atmosphäre. Diese Naturbeschreibung erfüllt eine wichtige Funktion im Text, denn sie bereitet den Leser auf das spätere Unglück vor. Die Umgebung wirkt geheimnisvoll und gefährlich, obwohl sie gleichzeitig ein Ort für Kinderspiele ist.
Im Mittelpunkt der Handlung stehen drei Brüder im Alter von elf, zwölf und dreizehn Jahren. Sie verbringen ihre Zeit im Sommer am Wasser, spielen Abenteuer und stellen sich vor, Indianer oder Seeräuber zu sein. Die Jungen verhalten sich ausgelassen und mutig. Gleichzeitig zeigt der Text auch ihre rohe und wilde Seite. Sie schlagen den jüngsten Bruder gelegentlich und behandeln ihn nicht immer vorsichtig. Dadurch wird bereits angedeutet, dass ihr Spiel auch gefährlich werden kann.
Der Wendepunkt der Geschichte entsteht, als die Jungen ein Fischerboot entdecken. Sie lösen das Boot vom Ufer und rudern auf den Weiher hinaus. Der älteste Bruder beginnt schließlich, das Boot zu schaukeln. Die Bewegung wird immer stärker, bis der jüngste Bruder das Gleichgewicht verliert und ins Wasser fällt. Die Beschreibung dieses Moments ist besonders intensiv. Der Junge schreit, schlägt gegen das Boot und verschwindet schließlich unter Wasser. Die Wiederholung der Formulierung „unter dem Boot nicht mehr hervor“ verstärkt die Tragik und zeigt die Endgültigkeit des Geschehens.
Nach dem Unfall verändert sich die Atmosphäre der Geschichte deutlich. Die zuvor lebendige und spielerische Stimmung wird durch Stille und Angst ersetzt. Die beiden Brüder sitzen schweigend im Boot und wirken schockiert. Die Natur wird wieder ruhig beschrieben, als wäre nichts geschehen. Dieser Kontrast zeigt die Gleichgültigkeit der Natur gegenüber menschlichen Tragödien.
Am Ende kehren die Brüder nach Hause zurück. Sie sprechen kaum miteinander und vermeiden es, sich anzusehen. Der ältere Bruder sagt schließlich: „Zu Hause sagen wir aber nichts davon!“ Damit entscheiden sie sich bewusst für das Schweigen. Die Metapher der Haustür, die sie „wie ein schwarzes Loch verschluckte“, symbolisiert ihre Schuld und das Geheimnis, das sie nun für immer mit sich tragen müssen.
Die Kurzgeschichte zeigt eindrucksvoll, wie schnell ein unschuldiges Spiel in eine Katastrophe umschlagen kann. Gleichzeitig macht sie deutlich, wie schwer es ist, mit Schuld und Verantwortung umzugehen. Britting stellt damit die Frage nach moralischer Verantwortung und den Folgen menschlichen Handelns.
Arbeitsblatt
Wie schreibe ich eine Textanalyse?
Name: __________________________
Datum: _________________________
1. Schritt – Den Text verstehen
Bevor du eine Analyse schreibst, musst du den Text genau lesen.
Lies den Text mindestens zweimal.
Beim ersten Lesen frage dich:
- Worum geht es im Text?
- Wer sind die Figuren?
- Wo spielt die Handlung?
Beim zweiten Lesen:
- Markiere wichtige Stellen.
- Unterstreiche Schlüsselwörter.
2. Schritt – Wichtige Informationen sammeln
Schreibe die wichtigsten Informationen auf.
Autor: _________________________
Titel: _________________________
Textsorte (z. B. Kurzgeschichte, Gedicht): _________________________
Thema des Textes:
3. Schritt – Figuren untersuchen
Beantworte die Fragen:
Wer sind die wichtigsten Figuren?
Wie verhalten sie sich?
Welche Beziehung haben sie zueinander?
4. Schritt – Sprache analysieren
Achte auf sprachliche Mittel.
Beispiele:
| Stilmittel | Beispiel | Wirkung |
|---|---|---|
| Metapher | „schwarzes Loch“ | zeigt Dunkelheit / Schuld |
| Wiederholung | bestimmte Wörter werden mehrfach benutzt | verstärkt eine Aussage |
| Vergleich | „wie ein Löwe“ | betont Eigenschaften |
Frage:
Welche Stilmittel findest du im Text?
5. Schritt – Atmosphäre erkennen
Überlege:
Welche Stimmung hat der Text?
☐ fröhlich
☐ spannend
☐ traurig
☐ unheimlich
Begründung:
6. Schritt – Aufbau der Analyse
Eine Textanalyse besteht aus drei Teilen.
Einleitung
- Autor
- Titel
- Thema
Beispiel:
Die Kurzgeschichte „Brudermord im Altwasser“ von Georg Britting behandelt das Thema Schuld und Verantwortung.
Hauptteil
Im Hauptteil analysierst du:
- Figuren
- Handlung
- Sprache
- Atmosphäre
Schluss
Im Schluss erklärst du:
- die Bedeutung des Textes
- die Botschaft des Autors
7. Schreibaufgabe
Schreibe eine kurze Analyse (ca. 120 Wörter).
Fragen zur Hilfe:
- Was ist das Thema des Textes?
- Welche Stimmung entsteht?
- Welche Botschaft hat der Autor?
Tipps für eine gute Analyse
✔ im Präsens schreiben
✔ Beispiele aus dem Text nennen
✔ klare Struktur verwenden
✔ keine persönliche Meinung schreiben



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